Kardiologie & Gefäßmedizin
Funktionelle Rhythmusstörungen: Diagnose
Funktionelle Rhythmusstörungen
Definition
Funktionelle Syndrome sind Beschwerdebilder mit unterschiedlicher Organsymptomatik, ohne dass organpathologische Veränderungen nachgewiesen werden können.
Durch vegetativ-nervöse Fehlsteuerung hervorgerufene Funktions- und Empfindungsstörungen des kardiovaskulären Systems ohne morphologisch fassbaren Organbefund. Betroffen ist jedes Lebensalter (besonders junge Menschen: Konflikte! Frauen im Klimakterium).
Nach Manifestationsmodus (nach DELIUS) Einteilung in:
Dysrhythmische Syndrome
Störungen der Erregungsbildung und -leitung des Herzens
Sinustachykardie
Respiratorische Frequenzänderung bleibt. Abzugrenzen von Tachykardien bei organischer Schädigung, z.B. Myokarditis, Herz-, Aorteninsuffizienz, Hyperthyreose
Sinusarrhythmie
Mit respiratorischer Abhängigkeit, häufig erst bei Untersuchung auftretend
Paroxysmale Tachykardie
- supraventrikuläre Tachykardie, häufig in zeitlichem Zusammenhang mit psychischer Erregung
- abzugrenzen von: essentieller paroxysmaler Tachykardie (oft seit Geburt, unmotiviert, auch nachts), paroxysmaler Tachykardie bei WPW-Syndrom, Vorhofseptumdefekt, Phäochromozytom
Extrasystolie
Im Gegensatz zur "organischen" ventrikulären Extrasystolie monotopen Ursprungs, Verschwinden bei Belastung, weitere vegetative Zeichen
Funktionelle Überleitungsverzögerung
(PQ-Verlängerung bei Vagotonus), Normalisierung bei körperlicher Belastung
Dysdynamische Syndrome
Fehlerhafte Leistungsanpassung des Herzens und Kreislaufsystems an den augenblicklichen Bedarf
Hypodynamische Syndrome
- kleines Herzzeitvolumen, niedriger Blutdruck, unzureichende Frequenzanpassung im Stehen, kleines Herz
- subjektiv: Leistungsminderung, Mattigkeit, Schwarzwerden vor den Augen, Hautblässe, subdepressive Stimmungslage, pektanginöse Beschwerden in Ruhe und bei Belastung
Hyperdynamische Syndrome
Hyperton-hyperkinetisches Syndrom
- pathologische Orthostasereaktion
- Symptome wie beim hypodynamischen Syndrom, aber überschießender Frequenzanstieg im Stehen und bei Belastung
- labiler Hypertonus: bei emotionaler Belastung vorübergehende Erhöhung des systolischen und diastolischen Blutdruckes
Hyperzirkulationssyndrom
- bereits in Ruhe vermehrtes Herzminutenvolumen, Tachykardie
- Palpitationen, Schweißausbrüche, Pulsus celer et altus, verstärkter Karotispuls, erhöhte Blutdruckamplitude und systolischer Druck
- eingeschränkte körperliche Belastungsfähigkeit, systolische Geräusche
- Röntgen: kräftige Lungengefäßfüllung, Herz normal groß oder klein
- abzugrenzen von: Hyperthyreose, Aorteninsuffizienz, offenem Ductus Botalli, arteriovenösen Aneurysmen, M. Paget
Dysästhetische Syndrome (Effort-Syndrom, Da-Costa-Syndrom, Soldiers heart)
- anfallsartige stundenlange Schmerzen, evtl. sekundenlang anhaltende Stiche in Herzgegend und linkem Arm, Engegefühl in der Brust bei tiefer Inspiration
- Besserung bei körperlicher Belastung, nicht nach Nitroglyzerin
- EKG-Veränderungen: häufig überhöhte oder abgeflachte T-Zacken und ST-Senkungen, die sich nach a- oder β-Sympatholytika meist normalisieren
- Schilderung durch Patienten mit Emphase; dabei Depressionen, Tachykardie, Unruhe, Schweißausbruch, Tremor, Durchfälle, Polyurie
Prognose
Gut, soweit kein Zusammenhang mit organischen Herz- und Kreislauferkrankungen
Sonderform
Phobische Herzneurose
Zu den Paniksyndromen gehörendes Angstsyndrom mit Bezug zu hyperkinetischen und dysästhetischen funktionellen Syndromen
- subjektiv herzkrank, objektiv herzgesund
- sympathikovasale Anfälle (Puls- und Blutdruckerhöhung mit panikartiger Todesangst, Angst vor Herzstillstand)
- im anfallsfreien Intervall meist phobische oder andere neurotische bzw. psychosomatische Symptome
- Prognose ungünstig, da im Langzeitverlauf meist schwere Chronifizierung, selten Syndromwandel
Differenzialdiagnose
- Ausschluss einer organischen Herzkrankheit, insbesondere auch eines Mitralklappenprolapses und somatisch bedingter Möglichkeiten auf das Herz bezogener Schmerzen (siehe Tabelle)
- Ausschluss psychosomatischer Prozesse
| Somatische Alternativen von "Herzschmerzen" (jeweils Beispiele) | |
| Herz und Kreislauf</p>
- akuter Herzinfarkt Endokrinium - Hyperthyreose Peripheres Nervensystem |
Wirbelsäule und knöcherner Thorax</p>
- "HWS/BWS-Syndrom" (siehe auch Zervikalsyndrom) Magen und Darm - Ösophagitis Lunge - Pleuritis |
Merke
Meist viel zu große zeitliche Intervalle zwischen Krankheitsbeginn → Diagnose → wirksamer Psychotherapie.






